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Lieber Vater,

 

heute ist der erste Tag im Jahr 2021 nach deiner Ankunft auf der Erde.

Die anderen schlafen schon, es ist spät, aber ich möchte dir nochmal kurz danken. Für den Tag und den schönen Abend heute, an dem du mitten unter uns warst und uns mit deiner Freude erfüllt hast. Und auch nochmal für das vergangene Jahr. Was ist schon Neujahr, hab ich mir eigentlich immer gesagt. Ist doch auch nur ein Monatswechsel wie jeder andere. Aber eben der letzte. Und die ersten und letzten Dinge haben einfach was an sich. Du hast uns dieses Rhythmusgefühl wohl mit in die Wiege gelegt. Bzw. auf den Weg aus dem Paradies hinaus mitgegeben. Es hat nun mal alles, was wir kennen und begreifen können, Anfang und Ende, und diese beiden haben so was starkes von Gegenwart an sich, dass man sich da dir nahe fühlen kann. Du bist ja der Anfang, der nie begonnen hat, und das Ende, das unendlich fortläuft.

 

Weißt du, ich hab eigentlich viel getan dieses Jahr, aber nicht das erreicht, was letzten Jahresanfang geplant war.Ich fühle mich ziemlich verloren und durch den Wind. Und manchmal fällt es mir echt schwer, zu glauben, dass DU die Wege so geleitet hast und nicht ICH. Ja, manchmal fürchte ich, dir im Weg zu stehen und zu stur mein Ding zu machen - und mein Ding ist nun wirklich nicht gut. Aber ich habe dich jeden Tag darum gebeten, mich deine Wege zu führen, und drum versuche ich, das auch zu glauben. Zu meinen, dass ich, die kleine Natelle, dir, dem allmächtigen Gott, im Weg stehen kann, ist ja eigentlich schrecklich stolz, oder? 

Ich will dir also danken für die Wege, auf die du mich dieses Jahr geschickt hast. Ich begreife sie beim besten Willen nicht, aber ich glaube, dass sie WUNDERvoll sind oder noch Wunder am Wegrand warten.

Das Jahr bricht um, aber unsere Sorgen nicht, die ziehen sich durch. Manchmal fühlt man sich, als nähme nichts Schlechtes jemals ein Ende. Doch zu wissen, dass du der Anfang und das Ende bist und keine Welt dir jemals annähernd gleich an Macht oder Gerechtigkeit sein wird, tröstet mich.

 

Wir wissen nicht, was das neue Jahr bereithält. Wir wissen aber, dass du es hältst. Das Feuerwerk heute war so schön. Alle Menschen haben sich durch die Knaller zugejubelt... Was? Sicherlich waren auch Gotteskinder dabei, die auf Hoffnung, Wahrheit und Friede jubelten. So viele Menschen, und so wenige sollen gerettet werden?? Segne jeden einzelnen, der heute aus dem Fenster geschaut hat zu den bunten Knallwundern. Und auch jeden, der nicht nach draußen schauen konnte. Alle, die nur an die Decke sehen, weil sie krank im Bett liegen, und all jene, die nur 4 kalte Mauern um sich haben mit Ausblick in einen kalten Park. Segne alle, die heute Nacht Angst haben müssen, weil sie Feinde haben. Alle, die nicht schlafen können, weil die Menschen um sie rum böse sind. Die, die verkannt werden von den eigenen Leuten. Alle, die allein sind, alle, die nicht zu Hause sein können. Alle, die kein zu Hause haben und die Tag um Tag keine Hoffnung sehen. Leuchte ihnen, gieß ihnen deinen Frieden ein, damit sie Trost finden in ihrer dunklen Dunkelheit.

Lass uns nicht vergessen, dass wir keinen Grund haben, Trübsal zu blasen. Wir haben dich. Lass uns nicht vergessen, dass wir nie allein sind, dass nichts umsonst ist, dass alles zum guten Ende führt, wenn wir dir unsere Tage anvertrauen.

Hilf uns im neuen Jahr, dir näher zu kommen und weiter weg von der Welt. Zeig dich uns, wenn wir allein sind. Leuchte uns, schenk uns Zuversicht und Mut. Ich weiß, dass du das kannst; du hast es mir schon oft gezeigt. Auch wenn ich nicht weiß, was Vertrauen heißt, so sage ich dir doch, dass ich dir vertraue, weil du sagst, dass ich das tun darf. Auch wenn ich nicht recht beten kann, tu ich es, weil mir dein Geist in mir dabei hilft. Und auch wenn ich manchmal glaube, zu zerbrechen, mach ich weiter, weil ich weiß, dass ich nichts aus mir, aber alles aus dir tun kann.

 

Gib mir und meinen Freunden, und meinen Feinden, deine Hand und lass uns nie mehr los. Und jetzt bin ich müde...

Gute Nacht, Vater