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Das Neue und Alte und Nicht-Verstehen

 

Im dritten Stock war jetzt niemand mehr außer ich. Die zwei Türken waren zurückgeflogen, die „local students“ ausgezogen oder zu Hause ihre freie Woche vor dem neuen Semester zu genießen. Und neue Studenten kamen. Gestern eine kleine Spanierin. Schon eigenartig. Die alten gehen, nachdem sie so viel Radau gemacht und sich Tag und Nacht beklagt haben. Dieses Haus wird nach jedem Semester so anders, so viel reicher und erfahrener und unbemakelt sein als zuvor; es wächst, das alte Haus von Rocky-Docky.  

 

Jetzt sitzt die im Zimmer gegenüber auf der unerhört weichen Schaumstoffmatratze und fragt sich, wo sie all ihre Bücher unterbringen soll, in diesem karg bemöbelten Raum. Sie hält beim Koffer auspacken inne, als sie von draußen etwas hört. Und muss annehmen, dass die Toiletten nicht sehr gut isoliert sein können. Sie selber bemüht sich später, leise zu sein. Und muss feststellen, dass das ungeschriebene Gesetz „jeder-bringt-sein-eigenes-Papier“ gilt. Wie auf dem Campingplatz. Weiß sie, was für ein Glück sie hat, dass wir die Klos direkt neben uns haben- wenn auch lautundicht? Die anderen Stöcke müssen immer etwas Zeit einrechnen, weil sie 18 Treppenstufen rauf oder 36 runtertrampeln müssen. Wird ihr, wenn sie nachher nach unten geht, um ihren Küchen-Tresor einzuräumen, auch ein seltsamer Geruch entgegenschlagen? Einen freien, geschweige denn sauberen Platz im Kühlschrank für die Milch wird sie vergeblich suchen. Was wird sie von dem White-Board neben der Küchentür halten, auf das jeder seinen Senf draufkritzelt? Weiß sie schon, dass es nur zwei Duschen und vier Klos gibt- für 25 Leute? Vom Einbrecher, der von den Pakistanis unten verdroschen worden ist wird ihr noch niemand erzählt haben. Ob sie in den WhatsApp-Chat will- wenn sie weiß, was für ein Drama um Klospülungen, Haare in den Duschen und dreckigem Geschirr auf dem Tisch die (vor allem Erasmus-) Studenten zum Teil machen?

 

Es war faszinierend hier, und an jedem Ort, an den ich von hier aus gekommen bin. Ich verstehe es alles nicht, aber ich bin Gott dankbar, dass ich genau hier gelandet bin, trotz allem. Es muss ungefähr das letzte Zimmer gewesen sein, das in Antwerpen Anfang September noch frei war. So sehr ungefähr das letzte, das unbedingt vermietet gehörte, dass ich seinen Preis sogar runterhandeln konnte. Ohne den Stress, den ich dadurch hatte, hätte ich keinen Mord in der Nachbarstraße erlebt; hätte nie die Koffieklap an der Ecke entdeckt, hätte kein Fish-and-Chips-Date gehabt, wäre nie mit einem wundervollen Fast-Fremden für einen Tag nach Paris gefahren- kurz, ich wäre wohl kaum so sehr mit mir konfrontiert geworden sein, und mit Gott; auch wenn es schwer war, danke. Ich war ihm im Himmel so nahe, da oben in meiner Dachkammer mit dem Dachfenster, durch das er mich jeden Tag weckte mit Sonnenschein und Möwengeschrei.